Interview mit Rolf Najork auf dem CTI-Symposium 2015

Es ist „uncool“ geworden, ein Auto zu besitzen.

Interview mit Rolf Najork, Chief Operation Officer bei der Heraeus Holding GmbH auf dem CTI-Symposium 2015. Er äußert sich darin zur Elektrifizierung des Antriebsstrangs sowie zu disruptiven Trends und deren Folgen für die Automobilbranche. In diesem jahr ist er Chairman des Advisory Boards.

Junge Menschen werden in Zukunft ganz andere Erwartungen an ein Fahrzeug, bzw. an das Fahren haben. Während im Bereich Getriebe die Elektrifizierung des Antriebsstrangs weiterhin „das heiße Eisen“ ist, sieht er die gesamte Automobilbranche künftig vor große Herausforderungen gestellt, wenn disruptive Trends schnell an Fahrt gewinnen.

Najork: Wir haben im Grunde genommen in der Getriebetechnik vor zehn Jahren schon gesagt, dass wir das Thema Elektrifizierung voll besetzen müssen. Es bleibt der Getriebetechnik auch nichts anderes übrig, weil mit stärkerer Elektrifizierung weniger reiner Getriebeinhalt in den Aggregaten ist. Insofern ist das eine sinnvolle Strategie, darüber nachzudenken.

CTI: Man hat deutlich gemerkt auf der Bühne heute, bei der Posiumsdiskussion, die sie mit geleitet haben, waren zwei Fraktionen ganz klar voneinander abgetrennt – und ich glaube, das ist auch symptomatisch für die Branche – die einen, die sagen, das mit der Elektromobilität, das wird nichts, das hat so starke Nachteile, dass sich das nicht durchsetzen wird und die anderen, die sagen, es kommt schneller, als ihr glaubt. Meistens liegt die Wahrheit in der Mitte, oder?

Najork: Ja vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte, wenn nichts außergewöhnliches passiert. Ich würde mal sagen, wenn wir vom konventionellen Szenario ausgehen, dann werden wir sehen, das Thema wird einfach kommen, das ist überhaupt nicht mehr zu stoppen. Aber es kommt mit überschaubarer Geschwindigkeit. Wenn aber solch andere Themen, wie zuletzt die Querelen, die wir in Bezug auf den konventionellen Antriebsstrang erlebt haben, noch 1-2 Mal hochkochen, dann kommt ne zusätzliche Dynamik rein, die wir gar nicht mehr kontrollieren können. Und man muss schon sagen, es gibt einen Hersteller, das ist Toyota, der das Thema komplett umgesetzt hat, der beherrscht das in der Großserie und das zeigt uns, das ist schon machbar, das ist auch finanzierbar.

CTI: Man konnte auch klar erkennen – und das war eine ihrer Aussagen – dass das durch Thema des demopgraphischen Wandels und damit einhergehend, ein Wandel der Anforderungen an das Automobil stattfinden wird und die Frage stellt sich: Sind wir nicht alle zu alt dafür, uns Gedanken über die Technologie zu machen, denn die jungen Leute, die demnächst ein Auto haben, werden demnächst ganz andere Wünsche haben, oder?

Najork: Diese Frage kann ich mit einem Wort beantworten und zwar mit „ja“. Und zwar deswegen, weil wir hier ja nicht repräsentativ für die klassischen Kunden sind. Ich würde mal sagen, hier in diesem Saal finden Sie 50 Prozent Dienstwagenfahrer von deutschen Premiumfahrzeugen. Das ist auch gut so für die Industrie aber wir sind natürlich nicht repräsentativ für Deutschland und schon gar nicht für den Rest der Welt. Wir sind in einer globalen Industrie. Der Rest der Welt ist jung, fährt keinen Dreiliter-Diesel mit Allradantrieb in einem Premiumfahrzeug, sondern ist ganz anders unterwegs, hat ganz andere Bedürfnisse – und vor allen Dingen die Jungen, das haben wir ja oft genug gehört und ich glaube, das lässt sich auch nachweisen, die haben ganz andere Prioritäten gesetzt. Das Thema „Connectivity“, was da immer durch den Blätterwald rauscht, ist eins, aber auch ganz andere Arten der Nutzung: Es sit „uncool“ geworden, ein Auto zu besitzen. Stichwort: „Sharing economy“ und in den „Emerging economies“, da bilden sich jetzt noch ganz andere neue Trends ab und durchlaufen die Moden und Zyklen schneller. Mit einem Wort: Wir sind als Gruppe nicht geeignet, um die Zukunft vorauszusehen.

CTI: Machen Sie sich Sorgen um die Industrie, um die Hersteller von Getrieben, von Antriebssystemen heutiger Coleur? Ist das besorgniserregend, oder glauben Sie, dass auch diese Industrie sich wieder anpassen wird und gut aus der Sache raus kommt?

Najork: Also ich glaube, die wird sich anpassen. Das gute an dieser Industrie ist ja – und da rede ich von der Automobilindustrie in der Breite, nicht nur von den Getriebeherstellern – sie ist nicht unbedingt immer die weitsichtigste, aber wenn dann Not am Mann ist, dann ist sie in der Regel relativ konsequent im schnellen Umschalten. Insofern glaube ich, solange wir einigermaßen diesem Produktumfeld bleiben, in dem wir heute sind, wird die sich sehr schnell anpassen können. Wenn aber ganz disruptive Entwicklungen kommen – also das Verhältnis vom Kunden zum Besitz, das Verhältnis vom Kunden zum Fahrzeug, zur Sharing Economy – wenn sowas wesentlich schneller geht als bisher, dann muss sich die Industrie Sorgen machen. Weil sie einfach dann – genauso wie der Rest der Automobilindustrie – gewaltig unter Druck kommt.