Interview Prof. Dr. Peter Gutzmer, Schaeffler AG

Mobilität für morgen – eine integrierte Betrachtung der Energie- und Antriebsoptionen

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Peter Gutzmer, Vorstand Technologie, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Schaeffler AG

Die Getriebe-Welt befindet sich in einer Phase der Veränderung. Neben der Verbesserung der klassischen Getriebetechnik müssen neue Technologien in neue Getriebeformen integriert werden. Wir haben in Berlin mit dem Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Schaeffler AG, Prof. Dr.-Ing. Peter Gutzmer, gesprochen.

CTI: Das CTI Symposium im Jahre 2017 hat ein wenig einen anderen Zungenschlag als in den vergangenen Jahren. Das merkte man auch bei Ihrem Vortrag, den Sie gehalten haben, und der Podiumsdiskussion. Die Branche diskutiert mittlerweile nicht mehr nur Mechanik und Mechatronik, sondern ja weit darüber hinaus. Fühlt sich das für einen Ingenieur gut an?

Prof. Dr. Peter Gutzmer: Das ist die Veränderung, die vor uns liegt. Wir erleben wirklich deutliche Veränderungen. Durch die Diskussion über die Elektrifizierung der Antriebe, autonomes Fahren und vernetztes Fahren müssen wir uns mit den Themen auseinandersetzen. Dabei wird deutlich, dass die Funktionalität eine Schlüsselrolle spielt. Das heißt, wir müssen die Funktionen für den Anwender in das Produkt hinein denken. Deshalb ist – und das war auch unser Anliegen – in dieser sich verändernden Welt der politischen, der sozialen Veränderungen dieses ganzheitliche, übergreifende Denken richtig. Dabei gilt auch für die technologischen Veränderung, über die man hier spricht, zu reden, zu sensibilisieren und das weiter aufzubauen. Das beginnt bei der Ausbildung und in der Schule und endet im Job, im Beruf und in der Verantwortung, die man dann übernimmt. Ganzheitliches Denken, systemisches Denken und funktionale Optimierung werden am Ende eine ganz große Rolle spielen und das haben wir versucht, zu vermitteln.

CTI: Für einen Automobilzulieferer ist das nicht selbstverständlich und das machen auch noch nicht alle Zulieferer so. Bei Schäffler ist dies aber der Fall. Wie kommt das in Gesprächen bei den OEMs an?

Peter Gutzmer: Wir haben bisher mit dieser Veränderung, mit diesem Kompetenzaufbau in der Systemebene, mit den ‚Projekten auf Augenhöhe‘ in einem gemeinsamen Verständnis, in einer gemeinsamen Funktions- und Anforderungssprache zu sprechen, nur positive Erfahrungen gemacht. Am Ende geht es nicht darum, wer kann was besser oder wer weiß was besser, sondern es geht darum, dass Optimum zu finden. Dieses Optimum bedeutet Funktion, Kosten, Gewicht und weitere daran anschließende Themen. Je offener man damit umgeht, je mehr Erfahrung aus systemischer Betrachtungsweise beide Seiten einbringen, umso leichter findet man sich. Das heißt nicht, dass die Diskussionen dann ohne Emotionalität ablaufen, aber es lässt sich doch anders darstellen, als wenn man sagt: ‚Ich möchte etwas. Du hast zu liefern. Wenn du das nicht kannst, nehme ich einen anderen.‘ Das Gemeinsame ist die Zukunft und die Zukunft ist viel komplexer. Die Zukunft beinhaltet den elektrischen Antrieb, eine Verbindung mit einer neuen Form des Verbrennungsmotors und einer anderen Form des Getriebes. Dabei ist es egal, ob das Produkt dann ‚dedicaded hybrid‘ heißt. Das wird nur funktionieren, wenn jeder seine Erfahrung in der Produktgestaltung, aber auch in der Produktfunktion, erweitert und dann einbringt.

CTI: Die Chancen für die Industrie stehen also gut?

Peter Gutzmer: Ich bin da total optimistisch, dass wir das hinbekommen. Wir haben natürlich das Problem, dass wir die Ressourcen finden müssen. Wir müssen diese Komplexität, die vor uns liegt, angehen. Wir reden von der Brennstoffzelle über die Batteriekompetenz, das Wissen in der Nutzung eines Antriebs, vom elektrischen Antrieb und dem Verbrennungsmotor, die optimiert werden müssen und Handschaltgetriebeoptimierung. Das ist ein großer Fächer an Herausforderungen, der da aufgeht. Den müssen wir mit vernünftig dargestellten Ressourcen beherrschen und das wird die eigentliche Thematik sein. Ich habe darüber gesprochen, dass wir deutlich mehr an Szenarien denken müssen. Wir werden als Zulieferer auch deutlich mehr in Portfolien denken müssen. Dort müssen wir uns dann auch risikohaft auf bestimmte Schwerpunkte fokussieren. Das verändert uns tatsächlich. Und ich glaube und bin mir dabei sehr sicher, dass nicht der erfolgreich sein wird, der das nur am besten hinkriegt, sondern der, der es in Zukunft ganzheitlich am besten darstellt bekommt.